Der Kampf um die Hamburger Schulreform – ein Blick über den Tellerrand
„Wir wollen lernen“ - diesen Satz können eigentlich alle unterschreiben. In Hamburg, wo Grüne und CDU gemeinsam eine Schulreform auf den Weg gebracht haben, die ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum längeren gemeinsamen Lernen ist, steht dieser Satz über einer Initiative, die sich gegen diese Reform wendet. Der Blick auf diese Initiative lohnt sich auch für uns. Wer steht dahinter und welche Ziele verfolgt sie tatsächlich? (ein Beitrag für die Mitgliederzeitung "Aufwind" der sächsischen Bündnisgrünen)
Selten hat eine Gruppe soviel politischen Druck aufgebaut wie das Aktionsbündnis um den Anwalt Walter Scheuerl. Der Protest wurde über Monate professionell gemanagt, z. B. auch mit Hilfe der FDP, die die Plakatwände stellte und beim jetzt anstehenden Volksentscheid mit 1500 Plakaten im ganzen Stadtgebiet für ein Ja zur Vorlage der Volksinitiative wirbt. Bereits im November 2008 hatten sich bei einem Workshop im Haus Rissen unter dem Titel „Bildungspluralität für alle“die Reformgegner gegen den aus ihrer Sicht „bildungspolitischen Linksruck“ formiert – mit Unterstützung des „Tönnissteiner Kreis“. Die Trägerinstitutionen dieser Stiftung sind unter anderem der Bundesverband der Deutschen Industrie, die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, der Deutsche Akademische Austauschdienst, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft. Der Tönnissteiner Kreis fördert „junge Talente, die eine Spitzenkarriere im Ausland anstreben“
Das vor allem von gut situierten Eltern getragene Aktionsbündnis „Wir wollen lernen“ führt einen Glaubenskampf für das Gymnasium und gegen längeres gemeinsames Lernen. Ihnen ist Elitenförderung offenbar wichtiger als ein breites Bildungsangebot für alle Kinder: "Weil wir dafür sind, dass die Kinder früher separiert werden, für ein leistungsorientiertes Schulsystem", sagt eine Reformgegnerin. Wer später ein Handwerk lerne, brauche schließlich kein Abitur: "Wir haben ja systematisch in den achtziger Jahren ein akademisches Proletariat herangezüchtet, dass für die wissenschaftliche Laufbahn und auch eine gehobene Laufbahn gar nicht fähig ist". „Wir sind fest davon überzeugt, dass schlechte oder mittlere Schüler nicht davon profitieren, wenn sie mit besseren Schülern zusammen sind.“
In einem Brandbrief Anfang Mai wandten sich 47 Hamburger Ärzte an die „lieben Patientinnen und Patienten“(!) „in eigener Sache“: Die geplante Primarschule sei „ein Standortnachteil für die Gesundheitsmetropole Hamburg“. Junge Fachärzte könnten davon abgehalten werden, sich in Hamburg zu bewerben, weil sie bei einem späteren Umzug in ein anderes Bundesland Nachteile für ihre Kinder befürchteten. Hoch qualifizierten Mediziner wünschten sich für ihre Kinder Gymnasien etwa mit altsprachlichem Schwerpunkt ab Klasse 5.
Das Hamburger Bürgertum schlägt – so der NDR - „eine der letzten Schlachten der Ständegesellschaft“. „Ich glaube, die, die sich für dieses Volksbegehren engagieren, haben Angst, dass ihren Kindern durch Konkurrenz aus Aufsteigerfamilien der Weg zu den attraktiven beruflichen Positionen erschwert wird“, meint der Bildungsforscher Ernst Rösner. In so einer Situation schottet man sich nach unten ab, um sicherzustellen, dass es oben halbwegs so bleibt, wie es ist. Unterstützt wird das Aktionsbündnis übrigens auch vom Anfang Mai wiedergewählten Chef des Philologenverbandes Sachsen Frank Haubitz.
Am 18. Juli entscheiden die Hamburgerinnen und Hamburger in einemVolksentscheid darüber, ob es in Hamburg ein gerechteres und leistungsstärkeres Schulsystem geben wird, das frühes Selektieren verhindert, für kleinere Klassen, mehr LehrerInnen, individualisierten, jahrgangs- und fächerübergreifenden Unterricht und bessere Ausstattung steht. Am Beispiel Hamburg kann man sehen, was passiert, wenn man am heiligen Gymnasium rüttelt und die alte Ständeschule des Kaiserreichs abschaffen will. In Sachsen steht uns dieser Kampf erst noch bevor.
Andreas Warschau
links: http://www.schulreform.hamburg.de/ (Hamburger Schulbehörde zur Schulreform) www.die-schulverbesserer.de (Befürworter der Schulreform) www.wir-wollen-lernen.de (Gegner der Schulreform) http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/panoramaschulreform100.html (mit Videobeiträgen zu Hintergründen und O-Tönen von Reformgegnern und Befürwortern)
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